Predigt Ostern 2020, Markus 16,1-8 - Pfarrer Björn Thiel

Predigttext Markus 16,1-8

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

"… und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich."

Der Pfarrer klappte seine Bibel zu und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl seufzend zurück.

Corona hat alles verändert. Das tägliche Arbeiten, die Strukturen, das eigene Denken, Tun und Lassen - einfach alles.

In Zeiten von Corona  vom leeren Grab, von der Auferstehung der Toten zu reden - danach stand ihm nun wirklich nicht der Sinn. Viel zu sehr noch war er in einer umfassenden Karfreitagsstimmung gefangen - betrübt und ängstlich.

Natürlich war Ostern ihm ein sehr wichtiges Fest. Und die Botschaft vom leeren Grab war ja für ihn nicht neu: "Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" Wie oft hatte er das schon in Ostergottesdiensten verkündet.

Doch dieses Jahr würde ihm dieser Satz nicht so einfach über die Lippen gehen - das war ihm klar.

Wie sollte er auch, wo doch überall vom Tod die Rede war. In den letzten Jahren war es auch schon häufig so. Die älteren Menschen, die er besuchte Zu Haus oder im Altenheim; immer wieder redeten sie von Krankheiten und Sterben.

Die vielen Beerdigungen Woche für Woche: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub … es traf Alte und Jüngere.

Bilder traten ihm vor Augen. Bilder aus Geschichtsbüchern, aus der Zeitung, Bilder aus dem Fernsehen.

Die Toten der Kriege der Welt. Das Elend und die Toten der Geflüchteten. 

Überall der Tod. Er hatte die Macht. 

So war es in den letzten Jahren - und in diesem Jahr? Erst die Corona-Bilder aus China, dann Italien, Spanien USA usw. Militärfahrzeuge, die die Verstorbenen abtransportieren, überfüllte Krankenhäuser verzweifeltes medizinisches Personal, hilflose Angehörige und das in unmittelbarer Nachbarschaft. Einfach Furchtbar.

Es war schon sehr spät geworden. Der Pfarrer war sehr müde, hatte aber immer noch keinen Satz zu Papier gebracht.

Ach, hier fällt mir doch nur die Decke auf den Kopf, dachte er. Und er beschloss, hinüberzugehen in die Kirche. Das tat er häufiger, wenn er nachdenken wollte und ein bisschen Ruhe brauchte. 

In der Kirche war es dämmrig. Von draußen warf der Vollmond sein Licht durch die großen Fenster. Der Pfarrer fand den Weg   auch ohne Beleuchtung. Die Kirche war schön im Dämmerlicht.

"Fürchte dich nicht!" Der Pfarrer blickte erschrocken auf und traute seinen Augen nicht.

Auf dem steinernen Altar saß ein junger Mann, mit einem langen weißen Gewand bekleidet. Er lächelte ihm freundlich zu.

Der Schreck war ihm trotzdem gehörig in die Glieder gefahren. "Wer bist du? Was willst du hier?", fragte er und hielt sich zitternd an der Kirchenbank fest.

Immer noch lächelte der junge Mann: "Ich dachte, du kennst mich. Immerhin hast du noch heute Abend von mir gelesen. Du weißt schon … der Jüngling im leeren Grab. Und was ich hier will? Heute ist Ostern, und ich bin hier, um es dir zu sagen: Das Grab ist leer! Jesus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Der Pfarrer ging tastend ein paar Schritte rückwärts, dann drehte er sich mit einem Mal um und rannte den in der Dämmerung liegenden Gang entlang. "Halt, warte doch!" Der Pfarrer stockte, drehte sich aber nicht um. "Warum müsst ihr immer davonlaufen?", fragte der junge Mann und es klang ein wenig traurig.

"Was ist so schrecklich an meiner Botschaft, dass auch die drei Frauen damals mit Zittern und Entsetzen davon gerannt sind?"

Längere Zeit war es still. "Fürchtest du dich etwa vor mir?", fragte er schließlich.

Der Pfarrer drehte sich nun langsam um zu ihm. Er war sich in der Dämmerung nicht ganz sicher, aber er meinte in seinen Augen Tränen zu sehen …

"Nein", antwortete er, "vor dir fürchte ich mich nicht! Ich fürchte mich davor, deine Botschaft weiterzusagen.

Du redest vom leeren Grab, dabei sind doch die Gräber voll. Seit du den Frauen begegnet bist, hat sich kein Grab mehr geöffnet. Grab um Grab ist hinzugekommen.

Ich bin müde, gegen die Macht des Todes anzupredigen und anzuglauben. Der Tod hat nun mal die Macht!"

Der junge Mann fiel ihm ins Wort: "Der Tod hat die Macht, ja, so scheint es im Augenblick; aber in Wahrheit hat der Tod seine Macht verloren!"

Der Pfarrer schaute den Jüngling skeptisch an …

Der Jüngling schwieg einen Augenblick, dann begann er zu reden:

"Vor beinahe 2000 Jahren, da lebte ein Mensch, der tat etwas Ungeheuerliches. Er stellte sich den Mächten des Todes in den Weg.

Er machte Kranke gesund. Er gab den Menschen, die ein schweres Herz hatten, neuen Mut. Er riss den Himmel ein Stück auf, damit man Gott besser sehen konnte.

Viele dachten für eine kurze Zeit: Da ist einer, der ist stärker als die Mächte des Todes, der ist ein Mann Gottes.

Doch dann machten sie kurzen Prozess mit ihm. Er wurde am Kreuz hingerichtet. Die, die an ihn geglaubt hatten, zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Der Tod hatte seine Macht wieder. Ein paar Jahre, und er wäre vergessen gewesen."

Der junge Mann machte eine kurze Pause. Dann fuhr er fort:

"Doch es kam anders. Plötzlich sprach man davon, dass Frauen das Grab leer gefunden hätten.

Einige behaupteten, dass sie ihn gesehen hätten.

Schließlich verkündeten viele, dass sie dem Gekreuzigten begegnet seien.

Und es begann sich eine regelrechte Protestbewegung zu formieren.

Eine Bewegung, die im Namen Jesu gegen die Macht des Todes protestiert! Eine Protestbewegung gegen den Tod überhaupt!

Und dieser Protest dauert an, bis heute Nacht.

Und dieser Protest, der ist mehr, als die Macht des Todes einfach nicht wahrhaben zu wollen.

Denn dieser Protest hat den Gott des Lebens auf seiner Seite!"

Der Pfarrer sah den jungen Mann eine längere Zeit an.

Der junge Mann sagte: "Jetzt geh, und wenn du für das leere Grab nur Zittern und Entsetzen empfinden kannst, dann sag niemanden etwas davon - wenn du aber dem Tod die Macht streitig machen willst, dann sprich vom leeren Grab!

Dann sag es - oder in heutigen Tagen - dann schreib es: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Als der Pfarrer die Kirche verließ, war es draußen schon hell geworden. Ein frischer, kühler Frühlingsmorgen.

Nur noch ein paar Stunden, dann sollte die Predigt online sein. Nicht mehr viel Zeit also für die Osterpredigt. Aber er wusste nun, dass er über das leere Grab predigen würde. Und es würde eine richtige Protestpredigt werden, da war er sich sicher!

Noch auf dem Weg kam ihm das uralte Osterlied "Christ ist erstanden" in den Sinn. Eigentlich ein Protestlied, dachte er, ein Protestlied gegen den Tod …

Christ ist erstanden von der Marter alle,

des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein! 

Amen.